Gefühle wollen gefühlt werden

Eine einfache, essenzielle Wahrheit sucht mich immer wieder heim:

Gefühle wollen einfach nur gefühlt werden.

Sie wollen nicht in ein Narrativ eingebunden werden, sie wollen nicht analysiert, eingeordnet, zerkleinert, verdichtet, geschweige denn unterdrückt werden.

Gefühle sind unsere unmittelbare Erwiderung auf das, was wir wahrnehmen, erleben, wie die Welt auf uns einwirkt.

Sie sind reine Bewegung, auch wenn sie sich vielleicht oftmals wie etwas Stagnierendes, Festsitzendes oder Unumkehrbares anfühlen.

Tatsächlich ist das dann die Konsequenz von Unterdrückung, Erklärung oder Verneinung von dem, was sich beim reinen Hinfühlen wie eine Schwingung durch den Körper zieht.

Vergänglich, anpassend und formverändernd.  

Manchmal angenehm wie die Freude, die Leichtigkeit oder die Ruhe. Manchmal unangenehm wie die Wut, die Trauer oder die Frustration.

Wenn wir sie dann mit Gründen, Lösungen oder Erklärungen verknüpfen, erfüllen sie ihren eigentlichen Sinn nicht, nämlich uns in unserer Authentizität zu bestärken. In dem, was für uns stimmig ist und was nicht, worin wir partizipieren wollen und worin nicht.

Wir leben in einer Kultur, die lange Zeit den Verstand über das Gefühl gesetzt hat, das Erklärbare über das intuitive, fühlbare Erleben.

Und wir erleben jetzt eine Zeit, in der sich dieses Prinzip auflöst.

Das kommt wie bei allen Paradigmenwechseln mit Aufregung, Verwirrung und Chaos daher.

Umso wichtiger, dass wir wieder mit dem in Verbindung treten, was wir sind: fühlende Wesen, die in der Lage sind den erklärenden, einordnenden Verstand einzusetzen, wenn es notwendig ist.

Viel wichtiger aber:

Wesen, die in der Lage sind, Kopf und Herz miteinander in Verbindung zu bringen, eine innere Kohärenz herzustellen, die uns besser für das Leben wappnet, als jede Ausbildung oder jedes Coaching. 

Das mag zunächst viel erscheinen, aber wie alles „Wahre, Gute und Schöne“ im Leben, ist es eigentlich einfach:

Sich immer wieder Zeit nehmen, zu fühlen. Die Bewegung in uns, in unserem Körper als die relevante Realität zu erkennen.

Spüren, welche Bewegung, Enge, Weite oder Druck stattfinden, ohne unmittelbar herausfinden zu wollen, warum diese Bewegung stattfindet oder was sie bedeuten könnte.

Gerade in der Arbeit mit dem inneren Kind oder Trauma-Anteilen, also im therapeutischen Kontext, habe ich verinnerlicht, dass es für meine Gefühle einen tieferen, lange zurückliegenden Grund gibt, der oftmals in der Verantwortung anderer Menschen lag.

Und während das stimmt und mir diese Arbeit mir meine kindliche Realität, und damit tief vergrabene Gefühle, bestätigt hat, durfte ich mich auch irgendwann von diesem Narrativ bzw. dieser Einstellung verabschieden.

Jetzt geht es in jedem Kontext nur noch darum, zu fühlen, was ich fühle.

Grundlegenden Gefühle wie Trauer, Angst, Wut und Scham sind es nämlich, die wir über viele Jahre in uns zur Seite geschoben und um sie Schutzmauern gebaut haben. Somit bekommen Gefühle eine viel statischere und furchteinflößendere Natur als sie eigentlich haben.

Es ist nicht leicht. Es ist wie eine neue Sprache lernen. Ein stetiges Zurückspulen von alten Verhaltens- und Reaktionsweisen.

Es ist ein Wiederankommen in der Gegenwart, anstatt den Erklärungen der Vergangenheit oder den Hoffnungen in eine bessere Zukunft.

In der Kapazität die eigenen Gefühle zu fühlen und damit dem eigenen Lebensfluss zu folgen, liegt die Kraft, die Leichtigkeit und Klarheit verborgen, nach der sich die meisten von uns sehnen.

Von Zeit zu Zeit kann es die Gemeinschaft oder die Begleitung Anderer gebrauchen, die hilft, auf der Spur zu bleiben. Mehr als das braucht es aber nicht.

Keine teuren gadgets, ausgedehnte therapeutische Begleitung oder Coaching-Programme. Auch das habe ich aus eigener Erfahrung verstanden.

Es braucht den Mut, den Fokus und die Hingabe mit sich selbst verbunden sein zu wollen. Nicht mehr und nicht weniger als das.

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It’s time to let go of the drama & rediscover humanity