Radikale Akzeptanz
Ich hatte vor einigen Tagen Geburtstag. An Tagen, wie diesen, die für mich immer emotional sind, kommen Intentionen in mir auf, mit denen ich das kommende Lebensjahr gestalten will.
Für mich wird es dieses Jahr um radikale Akzeptanz gehen, auch wenn ich noch gar nicht weiß, was das theoretisch und praktisch bedeutet.
Im ersten Moment assoziiere ich es mit der Akzeptanz von Menschen und Situationen, die ich nicht ändern kann. Aber in mir weiß ich natürlich, dass es seinen Anfang nimmt, in der Akzeptanz dessen, was sich in mir zeigt an Gefühlen, Gedanken, Bedürfnissen, körperlichen Symptomen, Sehnsüchten, Konflikten etc.
Und da beginnt es schwer zu werden.
Denn genau davon will ich, wie viele Menschen, am Liebsten weg. So komme ich dann dazu, mich in das, was ich im Außen wahrnehme, höre und sehe zu flüchten und meine Beziehungen auf einen Podest zu stellen, der ihnen nicht gebührt oder guttut.
Das verstehe ich unter „Projektion“.
2018 habe ich in New York eine 1jährige Ausbildung zur Meditationslehrerin gemacht.
Ich habe in der buddhistischen Vipassana-Tradition gelernt. Vipassana heißt so viel wie „die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind“. Das lerne ich erst jetzt und es ist – vermeintlich – reiner Zufall, dass ich diese Ausrichtung gewählt habe.
Dass ich 8 Jahr später begreife, welches Gold ich damals schon in den Händen hielt, ist schön. Ich hätte es auch ganz verpassen können.
Es ist nicht leicht, den Wust an Konditionierung, Einstellung und gängig akzeptierten Lebensformen zu durchsteigen, um zum Kern von radikaler Akzeptanz vorzudringen.
Bis jetzt würde ich ihn beschreiben, mit einer reinen und konsequenten Beobachtung der eigenen Gedanken und Gefühle. Aus meiner inneren Klarheit heraus, oder auch meiner Seele.
Das bringt und baut auf Stille.
Radikale Akzeptanz ist in meiner Erfahrung nichts Passives. Es fühlt sich sogar sehr beruhigend und ermächtigend an.
Aktuell trainiere ich mich, indem ich mein Meditationskissen den ganzen Tag in Position halte und sitze, wann immer ich kann oder merke, dass ich es sollte, auch wenn es mir schwerfällt.
Dann verankere ich mich in meinem Atem und versuche bei dem zu bleiben, was ist ohne mich in Planungen, Analysen oder Projektionen zu ergehen.
Radikale Akzeptanz öffnet das Herz. Denn wenn ich gegen das, was ist, ankämpfe, dann kann ich mein Herz, meine Empfangsstation und meine Liebe zum Leben, nicht offenhalten.
Deshalb vielleicht auch so schwer, gerade wenn ein Programm der ewigen Absicherung abläuft.
Sicher vor dem Leben, wie es sich zeigt, sicher vor anderen Menschen, deren Reaktionen nicht abzuschätzen sind. Sicher vor der Zukunft, die nur bedingt geplant und gelenkt werden kann. Sicher vor der Vergangenheit, die weh getan hat und unbewusst noch heute bestimmt.
Es ist unsinnig, aber allgegenwärtig und nur allmählich zu durchsteigen.
Auch das gehört zur radikalen Akzeptanz. Dass ein Prozess Zeit braucht. Dass die Dinge so waren, wie sie waren. Dass die Zukunft so sein wird, wie sie sein wird. Dass wir einander nicht kontrollieren können und das Leben schon gar nicht.
Mit meinen Erkenntnissen bin ich noch im Innenleben. Wie sich das im Außen gestaltet, ist für mich weitestgehend Theorie.
Ich weiß nur, dass es nicht viel damit zu tun haben wird, keine Haltung einzunehmen.
Radikale Akzeptanz ist an sich eine Haltung, die viel mit Integrität und Aufrichtigkeit zu tun hat. Genauso wird sie wohl auch Einfluss haben auf die Menschen, die einen umgeben - und damit zutiefst wohltätig sein, weil sie ein Antidot zu dem Geschrei ist, das wir im Außen sonst so vernehmen.
Wie ich es aktuell konkret und im Alltag anwende?
Wann immer ich eine innere Bewegung – Gedanken, Gefühle, Konflikte – oder eine äußere Erscheinung wahrnehme, die mich herausfordert, dann sage ich mir „That too“; im Sinne „das, darf auch sein“. Das Gleiche gilt natürlich auch für das Angenehme, aber dem fällt es meistens weniger schwer, Raum zu geben.
„That too“ – und mir wird erneut bewusst, wie nuanciert, vielschichtig, scheinbar widersprüchlich und wunderbar komplex das Leben ist. Wenn alles sein darf, wie es ist, wenigstens für diesen Moment, dann erlebe ich einen Raum, in dem viel ist und alles möglich wird.
Das scheint mir ein Geschenk der radikalen Akzeptanz zu sein.